Warum ein Straßenstrich wie die Geestemünder in Köln wichtig war. Wie er Begegnungen auf Augenhöhe möglich machte
- Nicole Schulze
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 14 Stunden

Es gibt Orte, die mehr sind als Arbeitsplätze. Orte, an denen Menschen sich begegnen, die sich im Alltag vielleicht nie getroffen hätten. Der Straßenstrich Geestemünder in Köln war genau so ein Ort. Für viele, auch für mich selbst im Jahr 2004, war er der Einstieg in die Sexarbeit. Und er war ein Ort, an dem Menschen wie Nicole Metzinger wirkten, deren Haltung, Mut und Menschlichkeit bis heute nachhallen.
Was die Geestemünder besonders machte, war nicht nur seine Struktur, sondern auch die Art von Beziehungen, die dort möglich wurden. Beziehungen, die gesellschaftliche Grenzen überschritten.
Die Entstehungsgeschichte des Geestemünder.
Ein bewusst geschaffener Schutzraum
Köln war Anfang der 2000er Jahre eine der ersten Städte in Deutschland, die Sexarbeit nicht verdrängen, sondern sicherer gestalten wollte. Die Stadt entschied sich für einen Ansatz, der damals mutig und wegweisend war:
• Sexarbeit sichtbar und reguliert stattfinden lassen
• einen festen, geduldeten Arbeitsort schaffen
• Streetwork, Gesundheitsamt und Beratung direkt zu den Sexarbeiter*innen bringen
• polizeiliche Präsenz als Schutz, nicht als Bedrohung verstehen
Die Geestemünder wurde damit zu einem Modellprojekt: ein Ort, der Struktur bot, ohne zu kontrollieren, und Sicherheit bot, ohne zu bevormunden.
Köln als Vorreiter, ein Konzept, das international Wirkung zeigte.
Das Kölner Modell blieb nicht unbeachtet. Zürich übernahm das Konzept und entwickelte es weiter. Dort entstand ein kontrollierter Straßenstrich, der bis heute erfolgreich betrieben wird. Mit klaren Regeln, Schutzräumen, Gesundheitsangeboten und einer engen Zusammenarbeit zwischen Sexarbeiter*innen, Sozialarbeit und Polizei.
Dass eine Großstadt wie Zürich ein Kölner Konzept übernimmt und langfristig etabliert, zeigt, wie innovativ und wirksam der Ansatz war.
Weitere kontrollierte Straßenstriche in Essen und Bonn

Auch in Deutschland blieb Köln nicht allein. In Essen und Bonn entstanden ebenfalls kontrollierte Straßenstriche, die nach ähnlichen Prinzipien funktionierten:
• feste Arbeitsbereiche
• Kooperation zwischen Stadt, Polizei und Sozialarbeit
• niedrigschwellige Zugänge zu Beratung und Gesundheit
• klare Regeln
Diese Orte zeigen, dass Sicherheit in der Sexarbeit kein Zufall ist, sondern das Ergebnis guter, gemeinsamer Arbeit.
Begegnungen, die Grenzen überwinden
Nicole Metzinger und ich
Einer der prägendsten Aspekte des Geestemünder war, dass dort Menschen zusammenkamen, die gesellschaftlich oft als Gegensätze dargestellt werden: Sexarbeiterinnen und Polizei.
Nicole Metzinger war Hauptkommissarin. Ich war Sexarbeiterin. Auf dem Papier hätten wir kaum unterschiedlicher sein können.
Und doch begegneten wir uns dort auf Augenhöhe.
Nicht als „Ordnung“ und „Problem“.
Nicht als „Kontrolle“ und „Objekt“.
Sondern als zwei Frauen, die Verantwortung trugen. Jede auf ihre Weise.
Nicole Metzinger war eine Beamtin, die nicht von oben herab agierte. Sie hörte zu. Sie sah Menschen, nicht Klischees. Sie verstand, dass Sicherheit nur entsteht, wenn Respekt gegenseitig ist. Und ich begegnete ihr nicht als jemand, der sich verstecken musste, sondern als professionelle Frau, die ihren Job machte und ihre Grenzen kannte.
Diese Begegnungen waren selten und sie waren wertvoll. Sie zeigten, dass Vertrauen möglich ist, wenn Strukturen nicht auf Angst, sondern auf Dialog basieren.
Warum solche Orte wichtig waren – und warum sie fehlen
Ein Straßenstrich wie der Geestemünder bot:
• niedrige Einstiegshürden
• Gemeinschaft und Solidarität
• Selbstbestimmung
• sichtbare Zugänge zu Beratung
• Kontakt zu Polizei, der nicht feindlich war
Gerade dieser letzte Punkt wird oft unterschätzt. Wo Sexarbeit sichtbar und geregelt stattfindet, entstehen Beziehungen, die Gewalt verhindern, Vertrauen ermöglichen und Ausbeutung erschweren.
Ohne solche Orte verschwinden nicht nur Arbeitsplätze, es verschwinden auch die Räume, in denen echte, respektvolle Begegnungen zwischen Sexarbeiter*innen und Polizei, Sozialarbeiter*innen überhaupt möglich sind.
Fazit
Die Geestemünder ist in meinen Augen perfekt. Sie ist ein Ort, der Leben geprägt hat, auch meines. Ein Ort, an dem ich Kolleginnen traf, die mich stärkten. Und ein Ort, an dem ich einer Frau wie Nicole Metzinger begegnen durfte, die als Hauptkommissarin und Mensch gezeigt hat, dass Respekt keine Frage des Berufs ist.
Unsere Wege hätten sich vielleicht nie gekreuzt. Doch dort, auf diesem Stück Straße, begegneten wir uns als Menschen und genau das macht den Geestemünder unvergesslich und so wertvoll.




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