Wenn Nähe bleibt, wenn Worte fehlen – Der letzte Besuch als Sexualassistentin bei Kund:innen
- Nicole Schulze
- vor 5 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Es gibt Begegnungen, die sich leise in die Seele schreiben. In meiner Arbeit als Sexualassistentin begleite ich viele ältere Menschen, die einsam sind, deren Körper schwächer wird und deren Welt kleiner geworden ist. Oft bin ich für sie nicht nur eine Dienstleisterin, sondern eine vertraute Person – jemand, der ihnen Nähe schenkt, ohne zu bewerten. Jemand, der Geborgenheit, Sicherheit, Zärtlichkeit und ein Stück Menschlichkeit zurück in ihren Alltag bringt.
Mit der Zeit entsteht eine Verbindung, die auf Respekt, Würde und echtem Kontakt basiert. Und irgendwann kommt der Tag, an dem ich weiß: Dies wird unser letzter Besuch sein.
Der letzte Besuch. Ein Moment voller Tiefe
Wenn Menschen spüren, dass ihre Kräfte schwinden, verändert sich etwas. Die Gespräche werden ruhiger, die Berührungen bewusster, die Stille bedeutungsvoller. Viele meiner Klient*innen teilen mit mir ihre größte Angst: nicht der Tod selbst, sondern das Sterben in Einsamkeit.
In diesen Momenten wird meine Aufgabe zu etwas sehr Besonderem. Ich halte ihre Hände, umarme sie, schenke ihnen Wärme und Präsenz. Ich bin einfach da, ohne Eile, ohne Erwartungen. Und oft spüre ich, wie sich ihre Anspannung löst, wie sie ruhiger atmen, wie sie sich ein Stück sicherer fühlen.
Nähe kann ein Anker sein, wenn Worte nicht mehr reichen.
Warum Sexualassistenz hier etwas Einzigartiges leisten kann.
Pflegekräfte leisten Großartiges. Doch sie arbeiten unter enormem Zeitdruck und in einem Rahmen, der körperliche Nähe oft funktional macht. Die Art von emotionaler, achtsamer, nicht-medizinischer Berührung, die ich gebe, hat dort keinen Platz.
Sexualassistenz hingegen darf Raum für Menschlichkeit schaffen.
Für Wärme. Für Intimität, die nicht zwingend sexuell ist, sondern zutiefst menschlich.
Ich begleite Menschen in Momenten, in denen sie sich verletzlich fühlen. Ich halte sie, wenn sie Angst haben. Ich schenke ihnen das Gefühl, nicht allein zu sein. Und manchmal bedeutet das, jemanden auf seinem letzten Weg ein Stück zu begleiten – mit Würde, Respekt und Liebe.
Nicht einsam sterben, ein zutiefst menschlicher Wunsch
Viele Menschen wünschen sich, am Ende ihres Lebens gehalten zu werden. Nicht als Patient*in, sondern als Mensch. Sie möchten Nähe spüren, Wärme, einen vertrauten Körper, der sagt: Du bist nicht allein.
Diese Momente gehören zu den intensivsten und berührendsten in meiner Arbeit. Sie erinnern mich daran, wie wichtig es ist, dass wir über Nähe, Sexualität und Zärtlichkeit im Alter sprechen. Und wie wertvoll es ist, wenn jemand da ist, der diese Nähe geben kann.
Ein Abschied, der bleibt
Der letzte Besuch ist nie leicht. Aber er ist voller Sinn. Ich gehe dann mit dem Gefühl, etwas Echtes gegeben zu haben, etwas, das über Worte hinausgeht.
Denn am Ende zählt nicht, wie stark ein Körper ist, sondern wie sehr ein Mensch sich gehalten fühlt.




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