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Sichtbarkeit, Geschichte und Verantwortung – Mein Weg in die Ausstellung der Bundeskunsthalle

  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit
Nicole Schulze in der Kunstausstellung in Bonn
Dr. Mark Benecke / Nicole Schulze

Es gibt Momente im Leben, in denen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf eine Weise berühren, die man nicht planen kann. Einer dieser Momente war für mich die Eröffnung der Ausstellung SEX WORK in der Bundeskunsthalle Bonn, in der ich mit einem Foto von der Demonstration am 22. Juni 2021 in Köln vertreten bin.

Ein Bild, das für viele vielleicht nur eine Momentaufnahme ist, für mich jedoch ein Symbol für Mut, Widerstand und Selbstbestimmung.


Auf diesem Foto stehe ich Seite an Seite mit Dr. Mark Benecke, der uns an diesem Tag unterstützte.

Es war ein heißer Sommertag, politisch aufgeladen, emotional, laut, klar. Wir standen dort nicht für uns selbst, sondern für alle Kolleg*innen, deren Stimmen zu oft überhört werden. Für diejenigen, die täglich mit Stigma, Ausgrenzung und gefährlichen politischen Forderungen konfrontiert sind. Für diejenigen, die arbeiten wollen – sicher, selbstbestimmt und respektiert.


Dass dieses Bild nun Teil einer musealen Ausstellung ist, bedeutet mir mehr, als ich in Worte fassen kann. Es zeigt, dass unsere Kämpfe nicht unsichtbar bleiben. Dass unsere Perspektiven nicht länger ignoriert werden. Dass Sexarbeit in Deutschland eine Geschichte hat, die erzählt werden muss, differenziert, ehrlich und ohne moralische Verzerrungen.

Nicole Schulze und Dr. Mark Benecke Demo Köln 22.06.21
Dr. Mark Benecke/ Nicole Schulze Demo Köln 22.06.21

Und diese Geschichte wird nun sichtbar:

Die Ausstellung „SEX WORK – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ ist vom 2. April bis zum 25. Oktober 2026 in der Bundeskunsthalle zu sehen.

Eine Geschichte, die lange vor mir begann


Ich stehe heute in dieser Ausstellung nicht allein.

Ich stehe dort stellvertretend für Generationen von Menschen, die lange vor mir für ihre Rechte kämpften, oft unter Bedingungen, die wir uns heute kaum vorstellen können.


• Für die Frauen im Mittelalter, die trotz Verbote und Verfolgung Wege fanden, ihre Arbeit zu organisieren und sich gegenseitig zu schützen.

• Für die Sexarbeiterinnen des 19. Jahrhunderts, die sich gegen staatliche Kontrolle und entwürdigende Zwangsuntersuchungen wehrten.

• Für die Aktivist*innen der 1970er und 1980er Jahre, die erstmals laut sagten, dass Sexarbeit Arbeit ist.

• Und für jene, deren Geschichten tragisch endeten, weil ihnen Schutz, Rechte und gesellschaftliche Anerkennung verweigert wurden.


Eine dieser Geschichten ist die von Rosemarie Nitribit.


Ihr Name steht bis heute für die Verletzlichkeit von Sexarbeiterinnen in einer Zeit, in der sie keinerlei rechtliche oder soziale Absicherung hatten. Ihr ungeklärter Tod wurde damals skandalisiert, instrumentalisiert und medial ausgeschlachtet. Kaum jemand sprach über die strukturellen Bedingungen, die solche Gewalt überhaupt möglich machten.

Nitribit erinnert uns daran, warum wir heute kämpfen:

für Sicherheit, für Selbstbestimmung, für Sichtbarkeit.

Damit niemand mehr in einem System arbeiten muss, das Menschen gefährdet, statt sie zu schützen.



Meine persönliche Geschichte als Teil dieser Linie


Beschreibung Geestemünder Straße Köln

Besonders berührt hat mich, dass in der Ausstellung auch die Geestemünder Straße erwähnt wird. Ein Ort, an dem ich viele Jahre gearbeitet habe. Ein Ort, der für mich nicht nur Arbeitsplatz war, sondern Lebensraum, Gemeinschaft, Realität. Die Darstellung dieser Straße im Ausstellungskontext zeigt, wie eng Stadtgeschichte, Sozialpolitik und Sexarbeit miteinander verwoben sind. Es ist ein Stück Köln, das sonst kaum jemand wirklich kennt.

Sexarbeit Köln Bonn

Die Darstellung dieser Straße im Ausstellungskontext zeigt, wie eng Stadtgeschichte, Sozialpolitik und Sexarbeit miteinander verwoben sind. Es ist ein Stück Köln, das sonst kaum jemand wirklich kennt.


Und natürlich spielt auch der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BESD) eine wichtige Rolle in dieser Ausstellung.


Als Vorstandsvorsitzende sehe ich es als meine Aufgabe, die Stimmen von Sexarbeiter*innen zu bündeln, zu schützen und politisch hörbar zu machen. Dass unsere Positionen, unsere Forderungen und unsere Expertise nun auch im musealen Raum sichtbar werden, ist ein wichtiger Schritt. Es zeigt, dass Sexarbeit nicht nur ein Randthema ist, sondern ein gesellschaftliches Feld, das Respekt, Wissen und politische Verantwortung verdient.


Sichtbarkeit als Verantwortung


Die Ausstellung macht deutlich, wie komplex, vielfältig und menschlich Sexarbeit ist. Sie zeigt Orte, Geschichten, Kämpfe und Realitäten, die sonst im Schatten bleiben. Und sie zeigt Menschen, wie mich, die sich nicht verstecken, sondern für ihre Rechte einstehen.


Für mich ist diese Sichtbarkeit ein Zeichen dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Dass unsere Arbeit Wirkung zeigt. Dass wir Geschichte schreiben, nicht im Verborgenen, sondern mitten in der Gesellschaft.


Ich bin stolz, Teil dieser Ausstellung zu sein.

Ich bin stolz auf meine Kolleg*innen.

Und ich bin stolz darauf, jeden Tag für eine Welt zu kämpfen, in der Sexarbeit als das anerkannt wird, was sie ist: Arbeit. DANKE FÜR DIESE TOLLE AUSSTELLUNG.


Zeigt Kleidung der Sexworker
Ausstellung Bonn

Sexarbeiterin Marianne
Ausstellung Bonn

Gemälde zeigt eine Sexarbeiterin
Ausstellung Bonn

Zeigt ein altes Schild vom gesundheitsamt
Ausstellung Bonn
Zeigt den alten Bockschein für Männer
Ausstellung Bonn
Altes Schild über Sexarbeit
Ausstellung Bonn

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